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Der Dramatiker Tankred Dorst plauderte aus der Dichterstube

Feuilleton - Berliner Morgenpost, Montag, 14. März 1994
Wenn sich ein Autor zu seinen Werken äußert, verspricht es interessant zu werden. So auch bei Tankred Dorst, der während einer Matinee im Deutschen Theater einen Einblick in seine Arbeit bot.

Sein Stück «Herr Paul» wurde gerade in Hamburg uraufgeführt und erlebt am 26. März seine Berliner Premiere in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Mit von der Partie: Kurt Böwe. Für Dorst Anlaß genug, auch über die Entstehung anderer Werke zu sprechen.

Seit 24 Jahren schreibt er fürs Theater. Immer berühren seine Stücke ganz persönliche Bereiche. Er könne nur über das wirklich gut schreiben, was ihn mit Herz und Kopf bewegt: «Schreiben ist eine Form von Eigensinn», meint er dazu.

Sein höchst eigenes Interesse an der Person Ernst Tollers hat ihn bewegt, sein Stück «Toller» zu schreiben. Die Konflikte des Revolutionärs der Jahre 1918 und 1919 bekam aber einen aktuellen Bezug, als das Stück nach zweijähriger Arbeit im Jahr 1968 herauskam. Diese unvermutete Aktualität habe sich auch bei anderen Werken ergeben.

Ansonsten reizen Dorst nicht unbedingt die großen historischen Themen zur literarischen Auseinandersetzung. Für ihn steht der Mensch im Mittelpunkt. Die Kluft zwischen Denken und Handeln ist es, was Dorst immer wieder interessiert. Dabei sind es oft die Utopien des Alltags, die schon große Konflikte in sich bergen.

Zur Veranschaulichung las Dorst abschließend aus seinem gerade entstehenden Werk «Die halbgeöffnete Tür». Er orientiert sich dabei an Tolstoi und dessen Leben mit Widersprüchen. Ein russischer Graf will in diesem Stück dem ihm verhaßten Alltag entfliehen und mit einem Landstreicher weggehen. Erasmus von Krause

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