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Geheimnisvolles Spektakel aus märchenhafter Zeit

Feuilleton - Berliner Morgenpost, Sonntag, 9. Oktober 1994
Im märchenhaften Wald findet die Hirschkuh den Knaben Siegfried und zieht ihn auf. An einem anderen Ort im Wald wird Wieland vom Schmied Mime erzogen. Doch Wieland hat wenig mit dem Kriegshandwerk im Sinn, das Mime ihm beibringen will. Eines Tages treffen Siegfried und Wieland aufeinander und werden Freunde. Als Mime Siegfried sieht, will er aus ihm auch einen Schmied und Helden machen.

Der «Nibeljunge» von Rudolf Herfurtner entlehnt viel aus der Nibelungensage. Herfurtner geht es um die Frage, wie Helden gemacht werden und ob man Helden überhaupt braucht. Manuel Schöbel, der Intendant des carrousel-Theaters, inszenierte das geheimnisvolle Spiel, in dem die friedliche Natur gegen die kriegerischen Schmiede steht. Eingeschoben in dieses Spiel sind Auftritte des Chores der Kriegskinder aus heutigen Tagen. Dieser Chor soll die Aktualität der Ereignisse aus mythischer Zeit erklären. Doch hemmt er mehr den Handlungsfluß, der im ersten Teil ohnehin nur mühsam die beiden Handlungsstränge von Siegfried und Wieland verknüpft.

Zudem ergehen sich Sprache und Inszenierung in rituellen und symbolischen Andeutungen. Das ist für Kenner des Originalstoffes reizvoll, doch die Kinder im Zuschauerraum richten sich immer wieder mit Fragen an ihre Eltern. Schöbels Inszenierung ist hoch-ästhetisch, sein Ensemble spielt phantastisch und motoviert. Ein hinreißender Bühnenzauber wird entfesselt. Doch für Kinder ab 10, für die das Stück konzipiert ist, dürften die Hürden des Verständnisses noch zu hoch hängen.

So bleibt den jüngern Zuschauern die Begeisterung für eine effektvolle Inszenierung, die mit ihren Schauwerten die den Hintergrund drängt. E.v.K.


carrousel-Theater, Hans-Rodenberg-Platz 1, Berlin-Lichtenberg. Weitere Aufführungen am heutigen Sonntag um 15 Uhr, am 10. Oktober und 17. November jeweils um 10 Uhr.

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