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Kultur bedeutet auch, unsere Umwelt lebenswerter zu machen

Feuilleton - Berliner Morgenpost, Sonnabend, 9. Oktober 1993

Im Rahmen der norwegischen Kulturwochen «norsk kultur», die seit dem 1. Oktober in Berlin stattfinden, kam die norwegische Kulturministerin, Ase Kleveland, zu Besuch. Unter anderem eröffnete sie die Skulpturenausstellung im Lustgarten. 14 Arbeiten von elf norwegischen Künstlern sind zwischen Spree und Dom ausgestellt.
Ase Kleveland ist nicht nur die politisch verantwortliche Repräsentantin der Kultur ihres Landes, sondern zudem selbst eine vielseitige Künstlerin. In den sechziger und siebziger Jahren war sie Sängerin. Sie war maßgeblich am Aufbau des Vergnügungsparks «Tusenfryd» bei Oslo beteiligt und wurde zur Kulturchefin der Olympischen Winterspiele. Die sozialdemokratische Regierung ernannte sie zur Kulturministerin. Die Berliner Morgenpost sprach mit der Ministerin.

Berliner Morgenpost: Sie waren eine bekannte Sängerin im skandinavischen Raum. Nun sind Sie Kulturministerin Ihres Landes. Ist es für Ihr Amt besonders wichtig, daß Sie selbst Kunstlerin waren?

Ase Kleveland: Es ist wichtig. Und nicht nur, um in der Kulturpolitik ganz allgemein etwas zu bewegen, sondern auch um sich besonders für die Belange der Künstler einzusetzen. Inzwischen liegt meine Zeit als aktive Künstlerin schon etwas zurück. In der Zwischenzeit war ich Vorsitzende des norwegischen Musikerverbandes.

BM: Sie waren immer besonders der Musik verbunden. In Berlin nun haben Sie die Skulpturenausstellung eröffnet. Welche Kunstbereiche gilt es besonders zu fördern?

Kleveland: Da gibt es noch eine Menge, was getan werden muß. Und das betrifft eigentlich alle Bereiche: Musik, Theater, bildende Kunst, Literatur. Wir richten unser Hauptaugenmerk auf das Gesamterscheinungsbild der norwegischen Kunst.

BM: Ihr Interesse als Kulturministerin gilt zum Beispiel auch der Architektur. In Deutschland ist dies oft Teil des Ressorts eines anderen Ministers. Unterstützen Ihre Kabinettskollegen Ihre Politik?

Kleveland: Ja. Ich denke, die Art, wie wir unsere Umwelt gestalten, ist eine der bedeutendsten kulturellen Ausdrucksformen das Volkes. Denn das sagt etwas aus über die Tradition, über die Ambitionen und letztlich auch über die Werte. Für mich ist es wichtig, nicht ausschließlich dafür zu arbeiten, daß ein schönes Bild in irgendeiner Schule aufgehängt wird, sondern auch dafür zu arbeiten, daß alle Schulen schöner, daß unser Lebensraum lebenswerter wird.
Diese Politik war recht erfolgreich. Wir haben Unterstützung bei den lokalen Behörden gefunden. Hier setzt man sich jetzt auch vermehrt für eine durchdachte ökologische Architektur ein. Das spielt auch in den Bereich des Designs und des Industriedesigns hinein. Norwegen war auf diesem Gebiet bisher nicht sehr aktiv. Wir sind ein Land, das hauptsächlich Rohstoffe produziert, Öl, Gas, Holz. Aber um Arbeit in der Zukunft zu schaffen, müssen wir an die Entwicklung von Produkten gehen.

BM: Jetzt präsentieren Sie die Kultur Norwegens in Berlin. Berlin war für manche norwegischen Künstler in der Vergangenheit‚ das Sprungbrett zu internationalem Ansehen, wie etwa für Munch oder Grieg. Der kulturelle Austausch zwischen beiden Ländern war dabei jedoch eher gering. Versprechen Sie sich von dieser Ausstellung eine Belebung des kulturellen Gebens und Nehmens beider Länder? Wie soll diese Reihe kultureller Veranstaltungen die gegenseitige Inspiration fördern?

Kleveland: Zunächst müssen wir Norweger zugeben, daß Norwegen nun einmal nicht eines der bekanntesten Länder dieser Welt ist. Wenn also viele Deutsche zum Urlaub nach Norwegen fahren, um die Natur zu genießen, und wenn zudem die Zusammenarbeit mit deutschen Politikern und Unternehmern so intensiv ist, dann bedeutet das für uns, daß die Deutschen unsere Kultur besser verstehen.
Was wir nun mit diesem Projekt versuchen wollen, ist, die Kooperation mit unterschiedlichen Institutionen in Berlin zu verstärken. Dies soll am Ende nicht nur ein Festival von sechs Wochen Dauer gewesen sein - es soll auch etwas für die Zukunft bewirken.
Norwegische Künstler sollen auch weiterhin Deutschland besuchen. Wir wollen dabei immer auf einen regen Austausch achten. Deutschland spielt heute eine wichtige Rolle in Europa. Im letzten Jahrhundert war Norwegen im internationalen Kulturaustausch aktiver. Wir wollen das erneuern.

BM: In diesem Jahrhundert standen bisher die politische wie auch die ökonomische Kooperation zwischen Norwegen und Deutschland im Mittelpunkt. Nun wollen Sie die Zusammenarbeit auf dem kulturellen Sektor verstärken.

Kleveland: Ich glaube, viele der Probleme, vor denen wir heute stehen, haben damit zu tun, daß die kulturellen Aspekte lange ausgeklammert wurden. Und das gilt auch für die Kulturpolitik. Und viele Konflikte, die wir heute haben, rühren daher, daß das gegenseitige Verständnis für die Kultur des anderen so wenig entwickelt ist. Erasmus von Krause

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