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Erfahrungen unter der Diktatur

Feuilleton - Berliner Morgenpost, Sonnabend, 9. Oktober 1993

Im Tschechischen Zentrum an der Leipziger Straße stellte sich der Tscheche Jiri Stransky mit einer Lesung vor. Der ebenfalls vorgesehene slowakischen Autor Juraj Spitzer mußte wegen Erkrankung absagen.

Der 1931 in Prag geborene Stransky wurde in den fünfziger Jahren zu acht Jahren Haft und Zwangsarbeit verurteilt. Die Wende brachte die Rehabilitation. Seit 1992 ist er Präsident des Tschechischen Pen-Clubs.

In seiner Erzählung «Die Zitrone» spiegelt sich ein Teil der tschechoslowakischen Staatsgeschichte wider. Die dunklen Abschnitte dieser Zeit haben ihre Spuren in Stranskys Leben und Werk hinterlassen. Stransky setzt dabei auf subtile Mittel, arbeitet mit Assoziationen und bedient sich oft der Symbolik.

Die eigentliche Botschaft zwischen den Zeilen auszudrücken, war ein gängiges Mittel literarischer Arbeit im totalitären System der Vergangenheit. Doch Stransky bedient sich dieses Mittels weiter, so daß die Bedeutung für Außenstehende nur schwer zu entschlüsseln ist.

Stransky erklärte, daß er die Vermittlung von Empfindungen anstrebe und nicht die drastische Abbildung einer schlimmen Epoche. «Die Zitrone» liefert das Psychogramm eines Menschen, dessen Leben durch die Gewaltherrschaft in seinem Land bestimmt wurde. Erasmus von Krause

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