Du bist hier

Salut dem Dichter Wondratschek in Berlins Nacht-Bar

Feuilleton - Berliner Morgenpost, Freitag, 8. Oktober 1993

Im Spiegelzelt der Bar jeder Vernunft hatte sich ein interessiertes Publikum versammelt, um Wolf Wondratscheks Lyrik zu hören. Gewiß nicht bar jeder guten Erwartung harrte man im ausverkauften Etablissement der Gedichte, die da kommen sollten. «Salut dem Dichter» hieß das Programm des Abends. Es salutierten Otto Sander, Walter Schmidinger und Matthieu Carriére.

Der Name der Veranstaltungsstätte ist Programm und Versprechen zugleich. Es wurde augenzwinkernd darauf hingewiesen, daß dieser Abend eine Werbeveranstaltung für die CD mit Gedichten Wondratscheks sei, auf der die Werke von den Rezitatoren des Abends, aber auch von George Tabori, Hanna Schygulla, Sepp Bierbichler, Katharina Thalbach und Mario Adorf gelesen werden.

Otto Sander eröffnete die Lesung. Mit seiner für den melancholischen Tonfall prädestinierten Stimme trug er Gedichte über die Katastrophen des Alltags vor. Eine Mischung aus Vertrautem und Ungewöhnlichem, dargeboten mit leisem Humor und Understatement.

Mitunter schweift der Autor auch in schöne Belanglosigkeit ab und beschwört mit purer Ästhetik den Geist der Romantik herauf. Bald darauf läßt Wondratschek die apokalyptischen Reiter zum Halali blasen und zelebriert einen herrlich stilisierten Weltuntergangspessimismus.

Der Autor las abschließend selbst eines seiner Gedicht vor, das er extra für George Tabori geschrieben hatte. Herzlicher Schlußapplaus lohnte des Autors und der Künstler Mühen in der Nacht-Bar. Erasmus von Krause

Zur Liste der Pressearbeiten