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Sturm auf die Berliner Brotläden

Feuilleton - Berliner Morgenpost, Freitag, 15. Oktober 1993

Heute hat im Berliner Ensemble Bertolt Brechts «Der Brotladen» Premiere. Das 1928 entstandene Fragment hatte erst 1967 seine Uraufführung im Haus am Schiffbauerdamm erlebt und wurde seither nur selten gespielt. Die neue Inszenierung übernahm Thomas Heise. Weitere Aufführungen sind am 16. Oktober sowie am 12. und 14. November jeweils um 19.30 Uhr. Wir sprachen mit dem Regisseur.

Berliner Morgenpost: Nach der «Fatzer»-Aufführung durch Heiner Müller ist diese Premiere die zweite Inszenierung eines Fragments aus Brechts Feder. Wie haben Sie sich das Stück erarbeitet?

Thomas Heise: Das erste war, daß ich ins Brecht-Archiv gegangen bin und mir die Fassungen angesehen habe, die bisher existieren. Dabei mußte ich feststellen, daß diese doch ziemlich starke Bearbeitungen waren. Am Urmaterial sieht man, daß Brecht sehr viel mit Chören gearbeitet hat und die Szenen um die Chöre herumgebaut hat.
Wir haben jetzt so etwas betrieben wie eine Rekonstruktion anhand des Urmaterials. Wir haben das Stück als Fragment belassen‚ und waren mehr daran interessiert, dieses aufarbeiten. Es ist nicht ganz widerspruchsfrei, weil es zwei verschiedene Herangehensweisen gibt. Zum einen kann man es wie ein Lehrstück spielen, andererseits aber auch in der klassischen Form des Theaters. Das wollten wir zusammenbringen - und es geht.

BM: Welche Probleme gab es bei der Inszenierung?

Thomas Heise: Unsere Mittel sind relativ beschränkt. Das Stück hat eine ziemliche hohe Personalstärke. Es sind 27 Leute gleichzeitig auf der Bühne, und das ist nicht ganz einfach. Aber ich denke, daß wir damit gut zurechtgekommen sind und das es Spaß macht.

BM: Das ist ja Ihre erste größere Regiearbeit an diesem Hause.

Thomas Heise: Richtig. Ich komme eigentlich vom Dokumentarfilm. Ich bin dann etwas später zum Theater gekommen. Bei Heiner Müllers «Lohndrükcker»-Inszenierung habe ich mitgearbeitet. Jetzt kam das Angebot von Heiner Müller, dieses Stück zu inszenieren.

BM: Es ist also durchaus geplant gewesen, den «Brotladen» gleich neben «Fatzer» auf die Bühne zu stellen, sind doch beide Stücke von Brecht selbst als von «hohem Standard technisch» bezeichnet worden.

Thomas Heise: Ja, geplant war es schon seit längerem. Ursprünglich ist auch mal geplant gewesen, daß beide Stücke an einem Abend hintereinander aufgeführt würden. Doch das Problem ist die Länge beider Stücke. «Fatzer» dauert drei Stunden, «Brotladen» zwei Stunden.
Zudem haben wir einen extrem niedrigen Etat, der kaum Geld für das Bühnenbild vorsah. So haben wir ein vorhandenes Bühnenbild so benutzt, daß es für uns auch geht. Wir sind dann davon ausgegangen, daß wir beide Stücke verbinden können. Man kann aber auch sagen, daß «Fatzer» mehr mit dem Individuellen, der «Brotladen» mehr mit dem Kollektiven zu tun.

BM: Welche aktuellen Bezüge sehen Sie in Ihrer «Brotladen»-Inszenierung, falls es solche in der Aufführung gibt?

Thomas Heise: Dieses Stück beschreibt den Weg der Witwe Queck nach unten. Ihr Vermieter geht unter, weil er die Zinsen zahlen muß an den Immobilienmakler. Der wiederum geht unter, weil die Bank Geld will. Die Banken gehen unter, weil Europa in der Krise ist, und Europa ist in der Krise, weil in den USA Rezession ist. Darum geht es. Das wird von der Gruppe mit viel Bewegung und viel Spaß dargestellt. Bei allem Abstand zu der Zeit, in der das Stück geschrieben wurde, ist es merkwürdig wie nahe einem diese Sachen sind. Wir haben das beim Arbeiten gemerkt, wie direkt diese Bezüge zur heutigen Zeit sind.

BM: Wie unterscheidet sich Ihre Filmarbeit von der Theaterarbeit? In Ihrem Film «Stau - Jetzt geht's los» ging es Ihnen doch um das Entstehen von Gewaltbereitschaft bei Rechtsradikalen. Ist jetzt auch wieder die individuelle Vorgeschichte von Ausschreitungen das zentrale Thema Ihrer Inszenierung?

Thomas Heise: Es geht auch darum. Das alles wird auf eine scheinbar ganz naive Weise von Brecht erzählt, der man gut folgen kann. Diese Einfachheit hat Vorteile. Die Witwe Queck kommt um, weil sie sich immer anpaßt. Der einzige, der sich wirklich wehrt, ist Washington-Meyer. Und er geht dabei auch zugrunde. Aber, wenn er es denn nicht täte, würde er auch zugrunde gehen. Und da bin ich dann schon für die Erstürmung der Brotläden.

BM: Hat das Stück damit nicht eine recht pessimistische Botschaft?

Thomas Heise: Nein, wenn man weiß was passiert, ist das noch nicht pessimistisch. Wenn man weiß, wie die Dinge sind, kann man damit auch umgehen. Ich finde es eher optimistisch, wenn Brotläden gestürmt werden. Ich fände es pessimistisch, wenn es nicht passiert und wenn man nicht dazu aufrufen würde.
Der Brotladen kann dabei für alles mögliche stehen. Ich will nicht die Bäckerinnung ärgern, zumal sie uns unterstützt hat. Die Lehrlinge haben versucht, Brecht zu backen. Das sind schöne Porträts geworden, die wir ausstellen wollen. Außerdem wird Brot gespendet, und wir haben die Möglichkeit, in Bäckereien mit unseren Zetteln zu werben. Und um Brot geht's! Erasmus von Krause

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